Paul2Liebe Leserin, lieber Leser!

Unser Kater Henry (18) war seit zwei Monaten nicht mehr nach Hause gekommen und nach einer traurigen Such- und Hoffphase stellten wir uns der Wahrscheinlichkeit, dass er sich zum Sterben irgendwohin zurückgezogen hatte. Nun war unsere Katze Zoé (4) alleine. Die beiden hatten sich zwar nie allzu gut verstanden, wurden niemals Freunde, aber doch merkte man beiden an, dass es ihren Alltag bereicherte, immer wieder auf den jeweils "nervigen" anderen zu treffen. Daher fassten wir den Entschluss, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: einen kleinen Knirps aus dem Tierheim in ein Zuhause mit allem Pipapo und Zoé aus ihrer Einsamkeit zu holen.

Ein erster Anruf beim Tierheim und das Gespräch mit Frau Böker steckten die Rahmenbedingungen ab: Das Tier solle in erster Linie ruhig und wenig "raufboldisch" sein, da Zoé keine wirklich wilde Katze ist. Frau Böker hatte einen jungen Kater im Auge, den sie uns gerne vorstellen wollte. Wir machten uns also im Anschluss direkt auf den Weg nach Hellern. Der Kater saß im Katzenhaus zusammen mit einigen anderen Katzen sehr zusammengekauert und ängstlich auf einer Kratzbaumetage, ließ sich aber streicheln (was wohl an totaler Panikstarre lag, die er noch lange hatte). Frau Böker sagte, dass dieser Kater mit Sicherheit der beste Partner für Zoé sei, aber wir sollten damit rechnen, dass er zu uns niemals Kontakt suchen würde, da er wohl in Freiheit geboren sei und über ein Jahr im Wald gelebt habe, bevor ein Jäger ihn mit einer Lebendfalle schnappte und zum Tierschutz brachte.

Natürlich musste ich bei dem Gedanken, dass der kleine Knirps vielleicht niemals zu uns Vertrauen fassen würde, erst einmal schlucken, aber in diesen Momenten besteht nun mal auch die Chance, seinen permanenten Beteuerungen nach dem Motto "Es geht ja um das Wohl der Tiere, nicht um meinen Spaß" auch Taten folgen zu lassen. Der namenlose Kater wurde also eingefangen (plötzlich wurde er doch recht lebendig, au weh!) und wir fuhren mit einem neuen Mitbewohner nach Hause. Dort bezog er - den wir Paul nannten, weil er wie ein Paul aussah (konsequent) - das Musikzimmer, denn das hat eine Glasscheibe in der Tür. Vorher hatten wir alles rausgeräumt und nur einen Kratzbaum, einen Katzenkorb und zwei Decken hineingestellt. Und natürlich Katzentoilette, Fress- und Trinknapf.

 

Nachdem Paul aus dem Transportkorb herauskam, ging er direkt auf die Fensterbank und kauerte sich dort zusammen. So blieb er fast eine Woche lang. Allerdings belegten leere Näpfe und gefühlt 10 Tonnen Kot, dass er nachts dann doch recht aktiv war. In der zweiten Woche öffneten wir die Tür zu seinem Zimmer einen Spalt und gingen wieder runter ins Wohnzimmer. Per Skype schauten wir ihm dabei zu, indem wir ein Handy entsprechend im Flur positionierten und das andere im Wohnzimmer betrachteten. Paul wagte sich ganz vorsichtig hinaus und schaute sich um. Auch die Treppe ging er hinunter, aber als er uns sah, blieb er sitzen und starrte uns an, in dem Glauben, wir würden ihn nicht bemerken, weil wir so konzentriert aufs Handy schauten. Wenn Zoé auftauchte, riss er den Schwanz in die Höhe, gurrte total verliebt und raste zu ihr. Dann gab es von ihr ordentlich aufs Katzenmaul und er trottete wieder weg.

Dieses Spiel wiederholte sich im Minutentakt in den nächsten Wochen, was den Bock von Zoé, ihn kennenzulernen, auf der einen Seite natürlich schmälerte, auf der anderen Seite aber auch gut war, denn die Hartnäckigkeit, mit der Paul sich täglich tausend Mal vermöbeln ließ, während er sich immer direkt fallen ließ und sie nur schmachtend ansah, schien irgendwann dann doch ihre Wirkung zu entfalten und Zoé merkte: Der will wirklich nur spielen. Doch vor uns hatte er nach wie vor riesige Angst. Wenn wir uns bewegten, war er sofort wieder in seinem Katzenzimmer auf der Fensterbank.

Im Internet fanden wir den interessanten Artikel einer Tierpsychologin, die die Meinung vertrat, dass derart wilde Katzen mit Menschenphobie ähnlich wie menschliche Phobiepatienten nur mit Konfrontatinstherapie davon überzeugt werden können, dass die Angst unbegründet ist. Das uns durchaus einleuchtende Beispiel war, dass der Spinnenphobiker ja auch nicht von alleine irgendwann zu einer großen Spinne geht, nur weil er sie bei sich im Haus wochenlang aus der Ferne betrachten konnte. Und genau, wie dieser Mensch stattdessen Taktiken entwickeln würde, um so normal wie möglich leben zu können, OHNE der Spinne zu nah kommen zu müssen, so verhielt sich Paul. Zum Fressen kam er sehr nah, ließ sich auch kurz streicheln, aber dann war er wieder im Zimmer.

Wir starteten die Konfrontationstherapie, die vorsah, dass man das Tier unausweichlich mit dem Angstobjekt konfrontiert, aber nie überfordert. Ich betrat also seinen Raum und blieb stehen (in den Tagen vorher saß ich stundenlang bei ihm und las ihm vor, was ihn nicht nennenswert antaute). Ich wartete, bis er die Augen wieder schloss. Dann trat ich näher bis zur ersten Rückzugsreaktion, dann blieb ich stehen. So ging es weiter, bis ich eine Stunde später direkt an der Fensterbank auf dem Klavierhocker saß und meine Hand langsam ausstreckte. Innehalten. Ausstrecken. Innehalten. Und so weiter. Irgendwann hatte er dann akzeptiert, dass ich ihn streicheln würde und ließ es erstmals zu. Währenddessen schlief er sogar ein! Aber wenn er aufwachte, erschrak er sich so sehr vor sich selbst und dem, was er da gerade zuließ, dass er zurückzuckte.

Dieses Spiel wiederholten wir mehrere Tage. Und es war wahrlich ergreifend, wie er zwar einerseits immer wieder in seine panischen Urinstinkte des Waldes verfiel, aber immer wieder Momente zuließ, die er so liebte. Unterm Kinn kraulen: göttlich! Einige Tage später lag er nicht mehr im Katzenzimmer. Sondern im Wohnzimmer auf einem Kratzbaum, Modell "Babel". Wenn sie ganz oben sitzen, schauen sie runter auf die Wolken. Aber zutraulich war er immer noch nicht sonderlich. Doch das war ein toller Fortschritt.

Wiederum einige Tage später hatte er gesehen, dass Zoé ab und zu im Zimmer meiner Frau schlief, und machte sich in diesem Körbchen breit. Zoé knurrte nur noch selten, insofern war das okay, sie schlief auch gerne gegenüber im unteren Handtaschenfach. Als ich alle drei besuchte, setzte ich mich vorsichtig neben sein Körbchen und durfte ihn tatsächlich streicheln. Mehr noch: das Paul-Boot schmiss zum allerersten Mal den Schnurr-Motor an. Und was für ein Außenborder. Meine Frau und Zoé dachten, nebenan würden Löcher in die Wände gebohrt.

Das Eis brach aufgrund von Zoé, die eines abends von oben bis unten voller Durchfall nach Hause kam. Ich hatte die liebliche Aufgabe, sie zu schnappen und zu baden. Das mochte sie natürlich überhaupt nicht, aber die Vorstellung, dass sie sich 2 Liter Durchfall komplett beim Putzen schmecken lassen würde, fanden wir auch ekelhaft. Klar, man darf nicht vermenschlichen, aber mal ehrlich...!? Nachdem ich die Kleine von ihrer braunen "Sonnenmilch" befreit hatte, trocknete meine Frau sie im Bad ab. Während ich im Flur im Türrahmen saß und Paul aufhielt, zu Zoé zu stürmen. Die Versessenheit darauf, zu Zoé zu kommen, ließ ihn eine Stunde lang durchgehend gegen meine Hand drücken, er schmiss sich hin, ließ sich streicheln, stand wieder auf und strich an mir vorbei.

Ab dem nächsten Tag war es, als wäre Paul eine Handaufzucht von uns. Er war immer bei uns, nur wenn Zoé rausging, rannte er bis zur Katzenklappe mit. Nach fünf Wochen durfte er zum ersten Mal raus und ist nun wieder Freigänger, der es aber sichtlich genießt, jede Stunde einmal zu schauen, ob wir auch noch da sind, und nachts bei uns zu schlafen. Zoé haut ihn immer liebevoller und die beiden toben auch schon dann und wann durch die Wohnung, ohne dass es Streit ist.

"Es kann sein, dass er niemals Kontakt zu Ihnen suchen wird" hallt seit damals oft in unserem Kopf, und so dankbar wir dem Tierschutz-Team und insbesondere der fachlichen, freundlichen und aufrichtigen Beratung von Frau Böker sind, dass dieser Punkt NICHT eingetroffen ist, wird sie bestimmt genauso freuen wie uns.

Daher, liebe Leserinnen, liebe Leser: Lassen Sie sich nicht entmutigen. Gerade so kleine Krümel, die Menschen bislang nicht anders kennengelernt haben als durch das Einfangen etc., sind natürlich erst einmal negativ geprägt. Und so liebevoll die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beim Tierschutz Osnabrück auch sind, eine Rund-um-die-Uhr-Versorgung einer traumatisierten Katzenseele können sie bei all den Tieren, die sie so wunderbar versorgen, leider nicht leisten. Aber gerade diese Furzknoten (die Tiere, nicht die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ☺️) haben es am Nötigsten, in ein wunderbares Zuhause zu kommen.

Trauen Sie sich, nehmen Sie einen Problempatienten, mit dessen Störung Sie dennoch umgehen können, denn ich verspreche Ihnen, Sie selbst werden daran wachsen, wenn sie aus einem panischen Knirps, der im Minutentakt die "Schnute poliert" bekommt, einen zufriedenen Knirps machen, der im Minutentakt die "Schnute poliert" bekommt - wir müssen echt nochmal mit Zoé reden!

Alles Liebe,

Ihr Dennis R.

s. auch: Eine Chance für die typischen Katzen!